Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Michael Winterhoff beschreibt in seinem Buch einige wirklich erschreckende
Beispiele dafür, dass der Wunsch nach Selbständigkeit des Kindes
von vielen Eltern völlig falsch interpretiert wird und der Erwachsene
die Führung aus der Hand gibt, was die Kinder total überfordert
und an ihrer psychischen Entwicklung hindert. Das kann dann zu all den Problemen
mit Kindern und Jugendlichen führen, mit denen wir im Moment zu kämpfen
haben: Die motorischen Fähigkeiten werden immer schlechter (Kindergartenkinder
schaffen für einen Ausflug nicht mehr, einen knappen Kilometer zu Fuß
zu gehen), Störungen im Bereich der Wahrnehmung, der Sprache, Konzentration
usw. nehmen in erschreckendem Maße zu.
Wenn die Mutter sich zum Beispiel zu Mittag ängstlich bei der Kindergartenpädagogin
erkundigt, ob sie wohl noch nicht zu spät dran ist, weil ihre Tochter
sonst einen Aufstand macht und der Mutter droht, „dass das ja nicht
mehr vorkommt“, oder wenn der zweijährige Sohn den ganzen Tagesablauf
inklusive Ernährung und Schlafenszeiten bestimmen darf, dann ist das
Verhältnis Mutter-Kind auf den Kopf gestellt.
Mit vielen Dingen, die Winterhoff sonst noch beschreibt, bin ich gar nicht
einverstanden, zum Beispiel mit einigen Aussagen zur Entwicklung. Richtig
ärgerlich machen mich Statements, die das Lernen und „Antrainieren“
von Fähigkeiten betreffen, weil ich einfach andere Erfahrungen gemacht
habe bzw. meine Einstellung zum Kind eine andere ist. Aus diesem Grund kann
ich auch die Abneigung des Autors gegen Lernen mit Spaß oder die eigene
Auswahl des „Lernstoffs“ nicht nachvollziehen. Mir scheint, dass
er dem üblichen Vorurteil aufsitzt, dass eine freie Schule oder ein freier
Kindergarten gleichbedeutend ist mit „antiautoritär“ und
„grenzenlos“. Dass das nicht so ist, sollte sich eigentlich endlich
einmal herumsprechen!!!
Alles in allem ein Buch, das zwar kein „Muss“ ist, aber durchaus
nicht uninteressant. Wenn man es liest, dann aber bitte sehr kritisch hinterfragen!
Ganz sicher recht hat er jedoch mit seiner Aussage, dass Kinder endlich wieder
wie Kinder behandelt werden sollen und nicht wie kleine Erwachsene!
...........................................................................................................................maria
egger