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Wieso hat mir eigentlich noch nie jemand gesagt, wie schwierig es wird, wenn sich eine Zweier- zur Dreierbeziehung wandelt?

Neugeborene fordern die Kraft, Zeit und Zuneigung ihrer Eltern und greifen damit beharrlich ein in den sensiblen Raum der Zweisamkeit, der bisher nur Frau und Mann gehörte. Möglicherweise stellt sich heraus, dass unterschiedliche Vorstellungen von Pfl ege und Erziehung existieren, vielleicht werden einer oder beide Partner einfach durch die notwendige Neugestaltung des Tagesablaufs überrumpelt. Wie auch immer. Der Autor vertritt die Meinung, dass fast alle Paare in eine Krise geraten, wenn ihr Kind beginnt, ihr Leben zu bestimmen. Auch ich
war nicht darauf vorbereitet, wie verschieden die Ansichten von mir und meinem Partner in allen möglichen Lebensbereichen sind.

Hermann Bullinger beschreibt einfühlsam und kenntnisreich die Ursachen für Paar-Krisen. Er untersucht typische, aktuelle Paarbeziehungen, ihre Muster wie auch die Herausforderungen, denen sich die Partner gegenseitig und unsere Mitmenschen/ die Gesellschaft an das Eltern- Sein heute stellen. Diese Beschreibungen erscheinen mir eine wichtige, weil hilfreiche Grundlage, um zu verstehen, warum es nach der Geburt des ersten Kindes überhaupt kriseln kann. Denn diese von Bullinger beschriebenen Gegebenheiten beeinfl ussen in großem Maße, wie die Veränderungen nach der Geburt erlebt werden. Immerhin bleibt dem Paar einerseits real weniger Zeit für Zweisamkeit und damit Gespräche (nicht Absprachen), Freizeitvergnügen und Sexualität. Andererseits
muss es vielleicht das erste Mal in seiner gemeinsamen Geschichte wirklich schnell Entscheidungen treffen (bspw. wenn das Kind krank ist). Meist werden dann zum ersten Mal auch die unterschiedlichen Auffassungen deutlich.

Welche weiteren Veränderungen im Alltag mit Kind können eine Zweierbeziehung auf die Probe stellen? Es kann Eifersucht auf das Baby entstehen, denn dieses bekommt allein durch das Stillen mehr Aufmerksamkeit als der Partner. Manche junge Mütter fühlen ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeiten bereits vom Kind erfüllt,
wenn sie in den ersten Wochen nach der Entbindung nicht mehr als kuscheln wollen (und sowieso die Bedeutung des Bonding sehr stark betont wird). Oder die Frau merkt, dass sie ihrem Baby schon so viel Nähe gibt, dass sie sich wünscht, von ihrem Partner einfach nur Nähe und Geborgenheit zu nehmen. Die Abwesenheit des Partners über 9-10 Stunden am Tag und die damit einhergehende quasi-alleinige Verantwortung für die Organisation des Tagesablaufs sowie das physische und seelische Wohlergehen der kleinen Familie kann zu Missverständnissen und Auseinanderleben beitragen. Häufig unterscheiden sichauch die Vorstellungen des Paares zu Autonomie und gegenseitige Abhängigkeit von der tatsächlich gelebten Realität. Bullinger betont
mehrmals, dass besonders Paare, deren Partnerschaft bislang sehr stark vom Gedanken der Gleichberechtigung getragen war, sich sehr schwer damit arrangieren können, wenn gerade in den ersten Lebensjahren des Kindes die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau eher traditionell ist (Mann verdient den Lebensunterhalt durch Lohn-/Erwerbsarbeit, Frau versorgt Kind(er) und Haushalt und ist für das seelische Wohlergehen aller zuständig).

Darüber hinaus beschreibt Bullinger verschiedenste „Beziehungssackgassen“.
Glücklicherweise bleibt er, selbst Vater einer Tochter, nicht bei der bloßen Analyse. Er nennt vier Möglichkeiten, die Krise nach der Geburt zu bewältigen: die Wiederannäherung, die Neuorganisation des Alltags, das Sich-Öffnen und die Zuhilfenahme von Unterstützung von außen. Bullinger zeigt aber auch offensiv auf, dass es in manchen Fällen sinnvoll ist, sich voneinander zu trennen.

Sicherlich ist die Lektüre dieses Buches kein Garant dafür, dass Paar-
Probleme nach der Geburt vermieden werden. Denn die wirklichen Veränderungen, die auf frischgebackene Eltern zukommen, lassen sich im Vorfeld nur schwer erahnen. Mir scheint jedoch, dieses Buch kann werdende Eltern in geeigneterer Wiese als die klassische „Weichspül- Schwangerschafts-Lektüre“ einstimmen und vorahnen lassen, worauf es wichtig ist zu achten: den Wunsch zu schauen, zuzuhören, zu verstehen und dass sich alle aufeinander einlassen. Die Partnerschaft schreit (leider) weniger laut um Aufmerksamkeit als das Neugeborene. Aber gerade ihr gutes Funktionieren ist das Wichtigste für
die Zufriedenheit von Mutter, Vater und Kind. Wer merkt, dass etwas „ins Stocken gerät“, dass es kriselt, die Partner sich versuchen aus dem Weg zu gehen usw., dem kann dieses Buch gute Aufklärung bieten. Dass „Beziehungssackgassen“ und Trennungen nach der Lektüre dieses Buches weniger häufi g werden, wünsche ich mir für die Eltern und vor allem für die Kinder.
.........................................................................................................................Ria Müller

Das Buch ist im Rowolth Taschenbuch Verlag, 1992 erschienen.

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Wenn Paare Eltern werden. Die Beziehung zwischen
Frau und Mann nach der Geburt ihres Kindes
- Hermann Bullinger

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